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Friedrich Schiedel Literaturpreis der Stadt Bad Wurzach/Allgäu
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Im Asyl der Literatur
Zum achtzigsten Geburtstag des Schriftstellers Günter de Bruyn

 
"Mit achtzig gedenke ich, Bilanz über mein Leben zu ziehen", lautet der erste Satz der großen Autobiografie, die Günter de Bruyn bereits vor einem Jahrzehnt, mit siebzig, abgeschlossen hat. Es ist die Lebensgeschichte eines stillen Einzelgängers, der zwei Diktaturen überlebte. Als Günter de Bruyn sechs Jahre alt war, kam Hitler an die Macht, mit zweiundzwanzig wurde er DDR-Bürger und blieb es bis kurz vor dem Rentenalter. Wie war unter solch ungünstigen Vorzeichen überhaupt Selbstfindung und Selbstbestimmung möglich? Wie konnte man staatlicher Bevormundung und gesellschaftlichem Anpassungszwang widerstehen, ohne schweren Schaden zu nehmen? Der Literatur fiel dabei eine Schlüsselrolle zu: Sie öffnete dem Jungen einen geistigen Freiraum jenseits der Drangsalierungen des Alltags.
In dem programmatischen Aufsatz "Der Schriftsteller als Entdecker" von 1982 entfaltete Günter de Bruyn die These, die Wirklichkeit werde durch Literatur überhaupt erst sichtbar. Wie Anpassung und Selbstbehauptung im DDR-Alltag funktionierten, kann man in seinen seit den sechziger Jahren erschienen Romanen nachlesen. Wegen ihrer Glaubwürdigkeit wurden sie auch im Westen geschätzt, im Osten brachte ihn das in Konflikt mit der Zensur.
Günter de Bruyn selbst verstand sich nie als DDR-Schriftsteller, sondern als Teil einer gesamtdeutschen Literaturszene. Die staatliche Wiedervereinigung war für ihn die notwendige Konsequenz einer Einheit in der Sprache und Kultur, die keine Ideologie auslöschen konnte.
Aus der Gesellschaft und Öffentlichkeit nach dem Mauerfall, die seither nur immer bunter, schnelllebiger und schriller wurden, hat sich Günter de Bruyn leise zurückgezogen. 1968 entdeckte er ein verfallenes Haus in den brandenburgischen Wäldern, das er wiederaufbaute und zu seinem Exil innerhalb der DDR machte. "Abseits", so heißt eine jetzt als Taschenbuch erschienene Liebeserklärung an die selbst geschaffene Heimat aus dem vergangenen Jahr. Dort kann der Autor heute, an seinem achtzigsten Geburtstag, in aller Gelassenheit die Bilanz seines Lebens ziehen. Oder? Vor wenigen Tagen hat Günter de Bruyn ein dickes neues Buch veröffentlicht, ein Panorama des geistigen Lebens in Berlin um 1800.
Diese Epoche und die preußische Geschichte waren schon immer eine Leidenschaft von ihm. „Als Poesie gut“, so zitiert er im Titel hintersinnig den damaligen preußischen König, den das Aufblühen der Künste unter seinem Regime wenig interessierte. Am Ende des mit großer Souveränität erzählten Geschichtsbuches vermerkt der Autor lapidar: "Ende des ersten Teils."

Von Michael Bienert, Stuttgarter Zeitung, Nr. 252, 31.10.2006